St.Georg
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Lebhafte Stammzell-Diskussion im Pfarrheim geführt

Seit dem 1. Juli 2002 gibt es in Deutschland das Stammzellgesetz. Danach wird Forschern in Deutschland nur die Arbeit mit Stammzellen erlaubt, die vor dem Stichtag 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Wissenschaftler beklagen jedoch, dass ihnen damit lediglich "veraltete und verunreinigte" Stammzell-Linien zur Verfügung stünden und fordern eine Lockerung des Gesetzes. 184 Abgeordnete aus allen Fraktionen unterstützen einen Vorstoß für eine einmalige Verschiebung des Stichtags auf den 1. Mai 2007. 92 Parlamentarier wollen den Stichtag ganz streichen. 129 Abgeordnete votieren gegen eine solche Änderung. 35 andere Parlamentarier unterstützen einen Gesetzentwurf, der auf ein völliges Verbot der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen abzielt.
 
Gut 40 Minuten erläuterte die studierte Theologin und Politologin Klöckner zunächst die aktuelle Diskussion um dann beharrlich für ihren Standpunkt einzutreten, nämlich einer einmaligen Verschiebung des Stichtags im Stammzellengesetz die Zustimmung zu verweigern. „Wenn wir den Stichtag – wie jetzt beabsichtigt - auch nur einmal verschieben, wer sagt uns denn, dass es in fünf Jahren nicht wieder gute Gründe für eine erneute Verschiebung geben wird. Und damit wird der Stichtag zur ethischen Wanderdüne“, so Klöckner, die auch gleichzeitig Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist.
 
Für Julia Klöckner beginnt menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, auch außerhalb des menschlichen Körpers, also bei künstlicher Befruchtung. Und da unser Grundgesetz in Artikel 2 das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit garantiert, dürfen die bei künstlicher Befruchtung mehrerer Eizellen entstandenen überzähligen Embryos auch nicht zur Gewinnung von Stammzellen herangezogen werden, denn mit der Stammzellgewinnung werden sie zwangsläufig getötet. Das Gesetz aus 2002 mit seinem Stichtag und den im Ausland verfügbaren Stammzellen sei ein Kompromiss gewesen. Jedoch – aus ihrer Sicht – ein einmaliger.
 
Die sich anschließende rund einstündige Diskussion zeigte dann mitunter recht lebhaft auf, was die unterschiedlichen Lager verbindet – und vor allem – was sie trennt.
 
Medizinisch wissenschaftlich argumentierte ein Teilnehmer, dass menschliches Leben erst da beginne, wo die außerhalb des Körpers befruchtete Eizelle wieder in den Körper einer Frau eingebracht werde. Somit sei einer Gewinnung von embryonalen Stammzellen der Schutz menschlichen Lebens nicht entgegenzuhalten. Ferner nutzte er die Gelegenheit, sich gegen den Begriff Embryo für außerhalb des menschlichen Körpers vereinigte Ei- und Samenzellen zu verwenden. Denn der Begriff Embryo leite sich aus dem altgriechischen „émvrio“ ab, was so viel bedeute wie „ungeborene Leibesfrucht“ oder „im Inneren keimen“ und beides träfe eben auf die künstlich Befruchtung bis zur Wieder-Einbringung in den Mutterleib schlicht nicht zu.
 
„Können wir als medizinisch wissenschaftliche Laien eigentlich solch eine Diskussion führen? Müssen wir sie nicht den Fachleuten überlassen? Und verschließen wir nicht die Augen mit dieser Debatte nur scheinheilig, wenn rund um uns herum im Ausland munter an Stammzellen geforscht wird?“ fragte wieder ein anderer Teilnehmer selbstkritisch.
 
Die kritische Bemerkung seitens der Referentin, bislang hätte die embryonale Stammzellenforschung nichts Nennenswertes erreicht, jedoch sei 2002 in der Debatte von Wissenschaftlern die Heilung von Alzheimer und Parkinson in Aussicht gestellt worden, kommentierte ein weiterer Teilnehmer: Immer wieder ist doch geforscht worden, ohne genau zu wissen, welche Erkenntnisse man denn nun eigentlich konkret gewinnen wolle. „Das können Sie den Forschern doch nicht zum Vorwurf machen!“ „Da haben Sie recht“ entgegnete Klöckner, „jedoch ging es bei den allermeisten Forschungen auch nicht direkt um die Frage nach dem Schutz menschlichen Lebens“ unterstrich sie den aktuellen Zeitbezug der Debatte.
 

So unterschiedlich die Positionen auch sind und so leidenschaftlich diskutiert wurde und wird, eines hingegen einigt sowohl die Politiker wie auch die Teilnehmer am Montagabend: der Respekt vor der – wenn auch grundsätzlich - anderen Meinung und die Einsicht, dass Meinungsbildung in der Demokratie mit Mehrheitsentscheidungen endet, an die sich dann alle zu halten haben.